Archiv für November 2008

Erschreckend

November 27, 2008

Die Attentate in Mumbai sind so ziemlich das Unglaublichste was in Indien passieren konnte.

Ich meine, es waren nicht viele Orte, die ich in Indien besucht habe. Nur Mumbai, Pune, Goa und Kochin. Und ausgerechnet an einem dieser Orte werden Europäer gezielt erschossen. In Mumbai war ich insgesamt drei Wochen. Die Orte, an denen jetzt Ausländer erschossen wurden, habe ich alle besucht. Von daher bin ich auch selbst emotional betroffen, es ist lediglich der Zeitpunkt, zu dem diese Attentate stattfinden, der mir das Leben gerettet zu haben scheint.

Machen wir uns nichts vor: Das Taj Mahal ist nicht EIN Hotel in Indien. Es ist DAS erste Hotel Indiens. Die absolute Topadresse. An zweiter Stelle rangiert das Oberoi. Und grade deshalb ist es so erschreckend, dass diese Hotels ausgewählt wurden.

Mein kleines Carlton-Hotel befand sich direkt im Schatten hinter dem Taj Mahal, auf halbem Weg zum Cafe Leopold. Über das Carlton ist nichts berichtet worden, ich hoffe die Crew und die Gäste dort haben es gut überstanden. Als ich dort war, waren fast immer auch Deutsche dort – Ärzte auf Praktikum im Krankenhaus, durchreisende Rucksacktouristen, Paare auf Weltreise. Dass dort jemand erwischt wurde, ist wahrscheinlich und rückt die jetzigen Ereignisse noch näher ran. Ein Stück Weltgeschichte an einem Ort, den ich bereist hatte.

Das Leopold ist eine Institution Indiens. Versicherungsmanager aus Zentralindien, die noch nie in Mumbai waren, haben sich mit mir über den Ort unterhalten – für sie ist der Ort ein Mythos: Das ist der Platz an dem die reichen Europäer sitzen, Kaffee schlürfen und mit Geldscheinen indischen Frauen hinterherwinken.
Das reale Bild ist zwar ein anderes – das Leopold war etwas runtergekommen und ein buntes und (meiner Meinung nach) uninteressantes Publikum verkehrte dort. Es ist aber genau der Platz an dem ein Inder aus dem Hinterland verhasste Briten und Amerikaner vermuten würde. Jetzt ist das Leopold nicht nur ein Symbol für den Reichtum der Ausländer, sondern auch für den 26. November 2008.

Es ist schon kurios, welche Orte sich die Attentäter ausgesucht haben. Das Taj Mahal ist das Nachbargebäude des Gateway to India. Das Tor der Welt – und nach überschreiten der Pforte werden die Gäste erschossen. Weitere Attentate sollen am Flughafen verübt worden sein, die Victoria-Station (neuindisch CST) wurde ein Ort der Blutbäder. Ich bin von dort aus nach Pune gefahren und habe die Halle nur noch als vollkommen überfüllt in Erinnerung. Keine zwei Meter Abstand zum nächsten Menschen, zumeist steckte man mitten in einer Menschentraube. Wenn ich jetzt die Bilder auf n-tv und stern.de sehe, dann sehe ich erstmals das ganze Bahnhofsgebäude ohne dass jemand im Weg ist. Ich meine, wenn da jemand einfach nur horizontal mit einer automatischen Waffe um sich schießt, trifft er immer. Es ist vollkommen unmöglich, diesem Menschen zu entkommen.

Es sollen junge Männer gewesen sein, die dort das Blutbad anrichteten. Das ist sehr wahrscheinlich. Ein Drittel der Inder ist jünger als 18, die scheiden zu größten Teilen aus. Nur wenige Inder sind älter als 50, die sind als Attentäter sehr unwahrscheinlich. Indien besteht zu großen Teilen aus Menschen zwischen 18 und 35, die kleiner als 1,75 sind. Stammen sollen diese Menschen aus dem Deccan. Der Deccan ist eigentlich nicht genau umrissen, eine Region in Indien, die geografisch definiert ist: Das Quasi-Hochland Indiens. D.h. wenn die Küstenregion auf Höhe des Meeresspiegels ist, ist 100 km landeinwärts der Deccan. Diese Gegend unterscheidet sich in der Landwirtschaft vor allem dadurch, dass hier nicht mehr Reis (wasserintensiv), sondern Getreide angebaut wird. Vermutlich stammen die Attentäter aus Maharasthra, dem Bundesstaat, dessen Hauptstadt Mumbai ist. Mumbai ist das Tor Indiens zur Welt und als größte Stadt des Subkontinents auch politisch eine wichtige Schaltstelle. Für die Bewohner der Dörfer ist Mumbai aber auch zugleich das Tor durch das alles Übel kommt, von dem Prostitution und europäische Dekadenz ausgehen. Es ist der Ort, der für das Symbol des Westens steht. Junge verunsicherte Muslime, denen irgendjemand Waffen in die Hand gedrückt hat, ihnen erzählte, dass die Ausländer schuld an allem Übel der Welt sei. Eigentlich das schlimmste was diesen Menschen passieren kann. Sie wissen noch nichts über die Welt, haben kaum ihr Dorf verlassen, sprechen vermutlich nicht mal Englisch und dann werden sie nach Mumbai gekarrt. Eine Stadt, laut wie eine Disco, unruhig wie ein Taubenschlag und ein einziger multikultureller Basar. Und auf diesem Basar sollen jetzt die jungen Menschen filtern: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Tröpfchen. Wer missbraucht junge Menschen für eine solche Perversion?

Wenn es so ist, dass es radikale Muslime sind, so ist dem hinzuzufügen: Indien ist das Land der Welt, in dem die zweitmeisten Muslime wohnen. Rund 17 Prozent der indischen Bevölkerung sind islamischen Glaubens. Sie sind überall in Indien eine Minderheit. Es gibt also keine Muslimenklaven größeren Ausmasses. In den 1990er Jahren gab es in Mumbai Ausschreitungen von Hindus gegen Muslime. Die Religion ist für arme Menschen ein wichtiges Distinktionsmerkmal innerhalb der Gesellschaft. Selbst wenn man nichts besitzt – man kann als vermögenloser Hindu dennoch auf Muslime herabschauen und ihre Rituale verabscheuen.
Im Gegensatz zu anderen religiösen Minoriäten sind die Muslime aber stolz: Stolz auf sich, stolz auf ihren Glauben. Und sie sind gut darin sich zu organisieren. Die Ausschreitungen der Hindus gegen Muslime wurden durch radikale Bombenattentate beantwortet.
Der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen ist alt. Älter als die Republik Indien. Er ist vor allem ein Konflikt, der durch die Gewaltbereitschaft der Inder genährt wird. Tötung, Menschenverachtung sind in Indien nicht schlecht angesehen. Es kommt darauf an wen man vor sich hat, will man töten. Da sich diese Tötungen bislang vor allem gegen andere Inder richteten, hat man sie im Ausland meist achselzuckend hingenommen. Nun treffen sie Ausländer. Dies ist nur für das Ausland eine neue Dimension.
Es ist nicht davon auszugehen, dass die indische Politik und Polizei auf einmal effektiv werden in der Bekämpfung dieser Attentate. Das war sie zuvor nicht, daran ändert sich nichts in Zukunft. Sie werden agieren nach dem Motto ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn’. Für jeden Erschossenen wird ein als ‘Gangster’ titulierte Muslim dran glauben müssen. Ein Hindu-Mob wird durch muslimische Slumhütten vagabundieren und Kinder und junge Männer lynchen.
Unbelästigt werden die kranken Köpfe bleiben, die sich solch einen Mist ausdenken, die junge Menschen missbrauchen um eine perverse Ideologie umzusetzen. Und die nächste Generation an Attentäter wächst heran: Söhne und kleine Brüder derer, die jetzt von Mob und Polizei gelyncht werden. Wie gesagt: Ein Drittel der Inder ist jünger als 18 …