Über die Religionen Indiens

By adrianindien

Die indische Fahne trägt die Farben Orange, Weiß und Grün. Orange ist die Farbe der Hindus, Grün die Farbe der Muslime und Weiß symbolisiert die unzähligen anderen Religionen im Land. Indien ist das Land der tausend Religionen: Nicht nur die Wiege des Buddhismus, sondern auch der Fluchtpunkt der Parsen, Heimat der Sikh, Zentrum des Janismus, Ziel von Jahrhunderten christlicher Missionierung. Auch wenn die beiden größten Religionen Himduismus und Islam sind, müsste man den mittlereren Teil der indischen Fahne bunt streichen.

Der indische Staat ist dagegen als säkularer Staat entworfen. Vordenker dieses Staates war Gandhi und sein Ziel war ein ungeteiltes Indien, ein Indien in dem jede Religion, jede Kaste und jeder Glaube eine tolerierte Existenz haben sollte. Zwischen dieser Vorstellung von Indien, wie sie von Gandhi entworfen wurde und dem Indien, wie es jetzt existiert, gibt es aber erhebliche Unterschiede. Religion ist neben Ethnizität das zentrale Kriterium, anhand derer in Indien soziale Trennung vollzogen wird. Dies fing bereits vor der Entstehung Indiens an, als Ali Jinnah mit der Muslimliga großen populären Zuspruch erhielt und die Gründung eines muslimischen Staates Pakistan erfolgreich verlangt. Und dies spiegelt sich nach wie vor wieder in Form der BJP, der zweiten großen Volkspartei Indiens, die sich ausschließlich für die Hindus einsetzt. Religion spielte immer wieder bei Volksunruhen – zuletzt im Großen Maßstab 2002 – eine Rolle. Und die Auseinandersetzungen innerhalb des Hinduismus zwischen den Harijians, den Unberührbaren, und den höhergestellten Kasten sind jeden Tag Thema in den Zeitungen. Es gibt hier eine Doppelstruktur, die für den Nichtinder schwer zu verstehen ist, vielleicht sogar: Gar nicht zu verstehen ist, die aber in ihrer für uns Europäer Nicht-Nachvollziehbarkeit trotzdem einen Großteil der Öffentlichkeit in Indien konstituiert und für Inder absolut handlungsrelevant ist. Jeder Inder weiß um das Vorhandensein von Religion, glaubt an Religion und hat diese stets für sich relevant. Der Glaube spiegelt sich in den kleinen Heiligenbildchen wider, die jeder Inder mit sich herumschleppt, die selbst im engsten Bombayer Haus eine eigene Nische eingeräumt bekommen, die von neuen Bekannten in kürzester Zeit erfragt werden. Der Glaube spiegelt sich wieder wenn man eine Zugfahrkarte kauft und nach seinen Eßgewohnheiten gefragt wird, wenn man am Blumenhändler vorbeigeht und sich eine Blumenkette als Talisman geben lässt und wenn man als Hindu das günstigste Grundstück in Ecklage ablehnt, weil Ecken einem Unglück bringen. Auf staatlicher Ebene tritt der Inder dagegen für die Gleichheit nicht nur der Geschlechter, sondern auch der Religionen ein: Es ist so, dass der selbe BJP-Wahlbeamte, der im Wahlkampf noch gegen die Muslime gewettert hat, diese dann als gewählter Beamter seinen Glaubensbrüdern gegenüber gleich behandeln soll. In den seltensten Fällen klappt aber diese Scheidung zwischen persönlichen Neigungen und staatlicher Pflicht. Auf Nachfrage wird also der BJP-Beamte erklären, dass er natürlich die Gesetze des Landes beachte, in der Praxis wird er dies nicht unbedingt tun. In den indischen Krankenhäusern müssen mindestens 27 Prozent der Neueingestellten Unberührbare sein. Natürlich wird diese Quote eingehalten. Es ist aber dann die Frage, welche Rolle spielen die Harijians in der Hierarchie des Krankenhauses: Sie werden eingestellt, spielen dann aber bei Entscheidungen keine Rolle. Trotzdem sind sie damit in machtvoller Position vorhanden, die Oberschicht sieht wie untere Kasten nach oben drängen, ihre Angehörigen durch Unterschichtenangehörige der niederen Kasten ersetzt werden, während die im Glaubenssystem höher stehenden Hindus einen sozialen Abstieg zu verzeichnen haben, es relativ schwerer haben in die begehrten Posten zu kommen. Das ist das Potenzial aus dem die BJP ihre Wähler schafft, dies sind die Menschen, die sich um die orange-grüne Fahne scharren und als wütender Hindumop durch die Straßen laufen. Wehe diesen Horden läuft ein Muslim oder muslimisch aussehender Mensch über den Weg. Dieser Mensch wird mit Steinen erschlagen, Eisenstangen niedergeschlagen oder Benzin verbrannt. Und dieses gewalttätige Potenzial der BJP geht tagsüber seiner Arbeit nach, putzt für wenige Rupien Muslimen die Schuhe oder bedient Harijians in einem klimatisierten Restaurant. Erst am Abend wird man zum Mob, erst unter der Führung der Partei erkennt man den Feind in denjenigem, der einem Tagsüber für das tägliche Brot herumschubst.

Darin liegt die Gefahr Indiens. Es ist nämlich nicht die breite Masse der Bevölkerung, die das Eigentum des Landes besitzt und es ist noch nicht einmal die dominante Bevölkerungsgruppe, die Hindus, die im ökonomischen Bereich stark wären. Traditionell sind Muslime in der Mittelschicht stark. Die Parsen halten viele der indischen Großunternehmen, die Jainas haben zentrale Positionen im Handel und Bankgewerbe inne. Die Mehrzahl der Hindus kommt aus den dörflichen Gemeinschaften. Wer von ihnen in die Städte zieht, muss sich erst hinten anstellen, die Hilfstätigkeiten ausüben, buckeln vor den Andersgläubigen. Dies ist ein Klima in dem unterschwelliger Hass auf andere Religionen gedeiht, in dem Unverständnis, in die richtigen Bahnen gelenkt, zu Gewalt wird.

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